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Bernd Henningsen

Was ist anders? Was ist gleich?
Zur positiven Konstruktion norwegischer Politik und Kultur – eine vergleichende Perspektive


Eine jüngste Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Gerechtigkeit nach 20 Indikatoren auf fünf Feldern – Armut, Bildung, Arbeitsmarkt, sozialer Zusammenhalt und Generationengerechtigkeit – platziert die nordischen Länder auf den ersten fünf Rängen, Island führt, Norwegen nimmt Platz vier ein, Deutschland landet im Mittelfeld auf Platz 15.

Diese Befunde zu Nordeuropa überraschen nicht. Die nationalen Fremd- und Selbstbilder werden seit Jahren entlang der Diagnosen von sozialer Wärme, von Gerechtigkeit, relativem Wohlstand und hoher Bildung, von kultureller, „nordischer“ Besonderheit reproduziert; gerne werden sie ideologisch und/oder moralisch überhöht. Frühere Generationen haben sie auf die Auswirkungen des Klimas zurückgeführt (von Tacitus über Montesquieu bis zu den Blut-und-Boden-Ideologen), mit der Grandiosität oder Lieblichkeit der Natur (beispielsweise die Romantiker und Kaiser Wilhelm II.), mit dem Volkscharakter (Herder und das 19. Jahrhundert), mit der Sozialdemokratisierung der Gesellschaften im 20. Jahrhundert (die Vertreter dieser politisch und kulturell dominierenden Bewegung).

 

 


Insofern sind „Möglichkeitsräume“ immer mit großer Vorsicht zu interpretieren, verlässliches empirisches Material ist selten zu finden, sehr selten für das 19. Jahrhundert. Es werden Postulate aufgestellt, die von dauerhafter Gewissheit sind, die aber nichts weiter darstellen als Rezipientenkonstruktionen: Es hat sich mittlerweile durchgesetzt, dass beispielsweise der „nordische Ton“ keine Kompositionseigenart ist, wie es Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte lang galt, sondern ein Problem des Hörens darstellt, auch das „nordische Licht“ ist kein Phänomen, das mit der Spektralanalyse zu fassen ist, sondern eine Konstruktion des Beobachters.

 

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