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Harald Herresthal

Musik als Möglichkeitsraum. Eine Geschichte aus der Frauenemanzipation in Norwegen.


Der norwegische Klavierlehrer und Komponist Halfdan Kjerulf behauptete im Jahre 1843, dass neun von zehn Mädchen und Frauen in der Norwegischen Hauptstadt Kristiania (Oslo) sich mit Musik beschäftigten.  
Musik spielte im bürgerlichen Gesellschaftsleben eine zentrale Rolle. Die Frau des Hauses war die selbstverständliche Leiterin der privaten Hauskonzerte und Musik-Salons. Die Frauen spielten auch eine wichtige Rolle bei den Konzerten der privaten Musikgesellschaften. Durch den Musikunterricht erhielten sie die Möglichkeit ihre musikalischen Talente zu entwickeln und  auch eine persönlich Freiheit.  Durch musikalische Kompetenz konnten sich Frauen sogar in einer männerdominierten Berufswelt behaupten. Das war in einer Zeit wo Frauen immer noch nicht die Mittelschule besuchen konnten und wo sie bei den großen Universitätsfeiern nur auf den Galerien sitzen durften. Erst nach 1880 konnten sie an der Universität studieren. Aus dieser Perspektive sieht man, dass die Musik eine frühe und wichtige Rolle in der Frauenemanzipation spielte. Der Drang nach Freiheit und Selbständigkeit war zum Teil von sozialistischen Ideen französischer Philosophen inspiriert.

 

 


An einer Auswahl von Einzelbeispielen wird gezeigt, dass der Musikunterricht sich nicht nur auf die Praxis konzentrierte, sondern dass auch Musiktheorie ein Teil der Ausbildung war. Aus diesem Grund konnten sich begabte Frauen mit Improvisation und Komposition beschäftigen. Sie komponierten in erster Linie Lieder und Klavierstücke für den eigenen Gebrauch. Solche Salonstücke waren nachgefragt, und wurden zum großen Teil von den Musikverlegern herausgegeben.
Man sollte sich einigen Fragen stellen. Was wäre der Verlagsbetrieb gewesen ohne den Bedarf der Frauen nach Noten und Musikliteratur? Wie wäre es mit dem Klavierbau, wenn nicht das Klavier neben dem Gesang das wichtigste Instrument der Frauen gewesen wäre?  
Man kann sich überhaupt schwer vorstellen wie die Entwicklung eines öffentlichen Musiklebens ohne die Rolle der Musik in der Bildung der bürgerlichen Frau möglich gewesen wäre.  Für die Frauen gab die wachsende und allgemeine Bedeutung der Musik im öffentlichen Leben zugleich einen Möglichkeitsraum in einer männerdominierten Gesellschaft.

 

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