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Lilli Mittner: Einleitung


Wenn von Komponistinnen die Rede ist, wird in der Regel eine Gruppe von sehr individuellen Künstlerpersönlichkeiten zusammengefasst, die aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen, Generationen und historischen Kontexten stammen.Was sie miteinander verbindet, ist die historisch wandelbare Rollenzuschreibung „Frau“. Geht es um norwegische Komponistinnen, dann sind darüber hinaus all jene Identitätsmerkmale, die den Menschen im Norden im Allgemeinen zugeschrieben werden, das Verbindende. Gemeinsam sind diesen Komponistinnen vielleicht auch die soziokulturellen Bedingungen – also Möglichkeiten und Hindernisse – , unter denen sie künstlerisch wirksam werden konnten und können. Das bedeutet nicht, dass das kulturelle Handeln aller norwegischen Komponistinnen gleich wäre. Vielmehr agieren sie in vielfältigen Möglichkeitsräumen, in denen sie sich für oder gegen eine Handlung entscheiden. Diese Möglichkeitsräume zu beschreiben, ist Aufgabe des fmg-Arbeitsgespräches.
Kurze Impulsreferate norwegischer und deutscher Referenten und Referentinnen sollen die Diskussionen der vier Round-tables anregen. Ziel ist es, im interkulturellen Dialog neue Fragen aufzuwerfen, Antwortmöglichkeiten zu finden und von den Erfahrungen der jeweils anderen Kultur zu lernen.

Dies soll auf drei verschiedenen Ebenen geschehen:
Erstens geht es um die Frage, was sich in der Zeit um 1900, als sich komponierende Frauen in Norwegen zunehmend bemerkbar machten, und heute geändert hat. Inwiefern spielt das Geschlecht nach wie vor eine Rolle? Zwei norwegische Komponistinnen aus unterschiedlichen Generationen, Cecilie Ore (*1954) und Therese Birkelund Ulvo (*1982) werden von ihren Erfahrungen berichten. Hilde Holbæk-Hanssen, senior advisor beim Norwegischen Musikinformationszentrum und Schlüsselperson im norwegischen Musikleben, gibt ergänzend einen Einblick in die Fördermöglichkeiten für Musikerinnen und Musiker.

Zu den Möglichkeitsräumen um 1900 präsentieren Lena Haselmann (Berlin) und Astrid Kvalbein (Oslo) Teilergebnisse ihrer Promotionsprojekte zu den norwegischen Komponistinnen Agathe Backer Grøndahl (1847 – 1907) und Pauline Hall (1890 – 1969). Für deren Platzierung im kulturellen Gedächtnis stellt die Norwegische Musiksammlung einen ganz zentralen Möglichkeitsraum dar. Inger Johanne Christiansen berichtet über die Quellenbestände zu Komponistinnen in der Musiksammlung der Norwegischen Nationalbibliothek.
Zweitens geht es um unterschiedliche Perspektiven auf den Norden. Die Frage nach den kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten im norwegischen und deutschen Musikleben steht beim Round-table mit dem Musikwissenschaftler Harald Herresthal (Oslo) und dem Skandinavienforscher Bernd Henningsen (Berlin) im Mittelpunkt. Inwiefern sind die Bedingungen für komponierende Frauen in Norwegen tatsächlich günstiger, inwiefern handelt es sich um eine positive Identitätskonstruktion?
Oder sollte – wie Bernd Henningsen (2000) vorschlägt – der Vergleich, mit dem Ziel eines kulturellen Rankings (wo ist es besser/schlechter?) gar nicht so sehr im Vordergrund stehen? Gibt es womöglich gerade in der Kunst auf Grund der Mobilität vieler Künstler und Künstlerinnen weitaus mehr Gemeinsamkeiten zwischen Norwegen und Deutschland als Unterschiede?
Drittens geht es um die Rolle von (Musik-) Geschichtsschreibung. Camilla Hambro (Stockholm) und Florian Heesch (Köln) führen zum Abschluss des fmg-Arbeitsgespräches einen interkulturellen Dialog zur Frage, inwiefern MusikhistorikerInnen zum sozialenWandel beitragen können.

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Konzert-Tipp

Cecilie Ore